Ich habe ja oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier weder über Neukölln noch über Nudelsuppen (oder anderes Essen) schreibe. Mich nerven nämlich Blogs - obwohl, das ist zu viel gesagt, ich finde aber Blogs nur wirklich uneingeschränkt toll, wenn sie eine gewisse Konsistenz haben. Und zwar sowohl was Stil, als auch was Inhalt betrifft.
Und inhaltlich, fürchte ich, bin ich nicht besonders konsistent. Egal, hierüber will ich jetzt dringend was schreiben, und ich weiß nicht, wo ich es sonst hintun soll.
Ich muß nämlich gerade eine Zeugniskopie beglaubigen lassen. Das Zeugnisoriginal ist auf Englisch. Das einzige weitere Dokument, das ich in meinem Leben je als beglaubigte Kopie irgendwo einreichen mußte, war mein Abiturzeugnis, und ich habe damals von meiner Schule gleich ungefähr zehn bestempelte Kopien erhalten, so dass ich mich nie drum kümmern mußte.
Also, Beglaubigungen: Wo kann man sowas eigentlich machen lassen, und wie ist das definiert? Fragen wir die
Wikipedia: "Mit der Beglaubigung wird öffentlich bestätigt, dass eine Abschrift inhaltlich mit der Vorlage identisch ist." In Ordnung. Desweiteren besteht die Institution, zu der ich die Kopie schicke, auf einem Dienstsiegel. Kann also nicht mein Bäcker oder so machen.
Wer nun ein Dienstsiegel besitzt, kann leider auch die Wikipedia nicht
präzisieren: "oder einer anderen dazu berechtigten Stelle", hmpf. Juristinnen sind meines Erachtens einfach mal die schlechteren Mathematikerinnen. Man sollte sämtliche Gesetzestexte von Mathematikerinnen überarbeiten lassen. Obwohl, die würden vermutlich nie fertig werden (schließlich ist der
Unvollständigkeitssatz bereits bewiesen), aber, ähm.... naja, vielleicht könnte man sie von ein paar _Wirtschaftsmathematikerinnen_ überarbeiten lassen. Die sehen das vielleicht nicht ganz so eng. Funktionalanalytikerinnen würden wahrscheinlich auch schon ausreichen.
Keine amtliche Beglaubigung
Also war es nun so: Ich suche nach einer öffentlichen Stelle, die mit Dienstsiegel Kopien beglaubigt. Beim Bezirksamt so: "Hm. Englisches Dokument? Das hängt dann immer davon ab, ob die Sachbearbeiterin das versteht. Zeigense mal." Grabsch. "Hm. Da muss ich mal Chefin fragen". (Es handelt sich um ein Zeugnis mit einer Note - numerisch - und zwei Sätzen der Art "Hiermit verleiht die [...]" drauf). Nach 10 Minuten Rückkehr von Unterredung mit der Chefin. Das Urteil: "Nee, das könnwa nicht beglaubigen. Das müsstense erst von einem gerichtlich vereidigten Dolmetscher übersetzen lassen, wa. Da könnte schließlich sonstwas drinstehen."
Moment. Ich dachte, die Behörde bestätigt nicht
(a) "das vorgelegte Dokument ist authentisch"
UND
(b) "die Photokopie sieht aus wie ein vorgelegtes Original",
sondern NUR (b).
(a) kann nämlich nur die ausstellende Behörde machen.
Ob es _wahrscheinlich_ ist, dass ein Zeugnis authentisch ist, kann man sich natürlich anhand von ein paar Merkmalen zusammenreimen: Wenn ich weiß, dass das Dokument so aussieht, wie Zeugnisse aus Land X üblicherweise aussehen, die Universität U existiert, es den Studiengang S tatsächlich gibt.
Aber letzten Endes sind Universitätsabschlußzeugnisse wohl in keinem Land der Welt auch nur annäherend so fälschungssicher wie zum Beispiel Geldscheine.
Und wie läßt sich ein vages Kriterium der Art "nur beglaubigen, wenn man zu mehr als 90 Prozent sicher ist, dass das Zeugnis ein authentisch ist" formulieren? Genau - garnicht. Scheinen deutsche Behörden aber nicht so ganz klarzukriegen.
Also: (a) ist prinzipiell nicht drin.
Aber (b) ist jawohl bei einem in lateinischen Buchstaben verfaßten Dokument mit zwei Sätzen machbar, selbst wenn die Beglaubigerin der Sprache nicht mächtig sein sollte.
Und, verdammt, das schreit einfach nach einer kryptographischen Lösung mit einer vernünftigen
PKI, die dem monumentalen Ärger mit solchem Zeug endlich den Garaus machen würde. Digitale Signatur aufs Zeugnis, kurz Einscannen,
Authentizität und
Integrität nachgewiesen, fertig. Dann wäre auch endlich ein großer Teil der riesigen bürokratischen Apparate überflüssig, und die Leute da könnten mal was Vernünftiges mit ihrem Leben anfangen. Öhm. Hatte ich erwähnt, dass ich eine große Anhängerin des
staatlichen Grundeinkommens bin?
Und, dass mir sämtliche Kiemen und Unterkiefer runtergeklappt sind, als ich erfahren habe, dass meine Universität einen Monat und zehn Euro dreiundzwanzig benötigt, um mir einen (!) Zettel, auf dem meinen bisher abgelegten Prüfungen draufstehen, auszudrucken? Den sie mir dann "aus Kostengründen" nicht zuschicken kann?
Das Problem ist natürlich, dass es derzeit keine kryptographischen Killerapplikationen mit beweisbarer Sicherheit gibt - und bis zum Einsatz der Quantenkryptographie ist es noch ein weiter Weg. In zwanzig Jahren könnten die zur Zeit eingesetzten Verfahren alle geknackt sein. Aber auch dafür ließe sich eine Lösung finden. Neue Zertifikate auszustellen ist jedenfalls weniger aufwendig, als neue Zeugnisse zu drucken und um den Globus zu schicken.
Ach, und was die Beglaubigungen betrifft: Ich habe inzwischen einen Notar gefunden, der meine Kopien beglaubigt (d.h. Stempel und Unterschrift draufhaut), allerdings zum horrenden Preis von 11,60 pro Din A4. Weil ich noch weitere Kopien benötige, stehe ich gerade mit einer kirchlichen Institution (die zwar ein Dienstsiegel besitzt, sich aber noch nicht ganz sicher ist, ob sie eine englische Zeugniskopie beglaubigen würde) in Verhandlungen.
Und das, wo ich doch Atheistin bin.